Die Idee

Die Entwicklung der Hochhausidee

Binz lebt wie viele Bäder vom Tourismus. Doch dieser lebt nicht nur von der Wechselwirkung von Bebauung und Landschaft, sondern Tourismus und Städte leben auch von der Wechselwirkung ihrer Bebauung untereinander. Der Umgang mit dem baulichen Erbe und der historischen Last des ehemaligen KDF- Bades ist nach der unter Denkmalschutzstellung nie städtebaulich und intellektuell gelöst worden. Das wurde beispielsweise bei der Podiumsdiskussion „Architektur-Quartett“ zur Geschichte und Zukunft des Ortes im Juli vergangenen Jahres in Prora deutlich.

Am Anfang war die Musik

Eine weitere Auseinandersetzung mit diesem Thema war der anschließende Spaziergang mit den Blechbläsern von der Insel Rügen. Sie spielten aus Kagels Werk „Zehn Märsche um den Sieg zu verfehlen“. Die rhythmische Verschiebungen und Verzerrungen dieser Musik machen jeden den Gleichschritt und Marsch unmöglich. So kam auch der Gedanke,  mit Architektur den Gleichschritt der Mammutbauten von Prora zu stören und ihren Geist bloßzustellen.

Bücherturm als Inspiration

Inspiration für eine mögliche Architektur kam dann von der temporären Skulptur des Bücherturms vom Bebelplatz in Berlin. Sie sollte an die Erfindung der Buchdruckkunst, aber auch an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933 erinnern. Die Skulptur versinnbildlicht auch 200 Jahre Kunst- und Literaturgeschichte, die für Freiheit und gegen politische Unterdrückung durch das Nazi-Regime eintrat.

Wenn man diesen Bücherturm nun vergrößert und ihm eine Nutzung gibt, wird aus der Skulptur unweigerlich eine Architektur. Die Geschossdecken werden gegeneinander verschoben, gerade Fluchten vermieden, jedes Geschoss ist anders, jedes ist individuell. So soll der Turm, ähnlich wie Kagels Musik gegen die Märsche, symbolisch den Gleichschritt der KDF- Blöcke stören und den Geist dieser Architektur bloßstellen.

Durch die Interaktion der beiden Architekturen (Hochhaus, Blöcke) wird ein städtebaulicher und metaphysischer Ausgleich hergestellt, der in der Außenwahrnehmung einen zukunftsorientierten Aufbruch des Ortsteils symbolisiert.

Die Höhe des 500 Meter vom Strand und 4.5 Kilometer von Binz entfernten Hochhauses ergibt sich aus städtebaulichen Proportionsstudien, bei denen die maximale und minimale Höhe des Gebäudes gesucht wurde, mit der die o.g. Wirkung erzielt wird. Die Gebäudelänge des quadratischen Grundrisses hat eine Länge von max. 38m x 38m bei den Balkonen und von max. 30m x 30m bei den Fassaden. Es kann also innerhalb der heterogenen und gestreuten Bebauung bei diesen Grundrissdimensionen keinesfalls von einer Nachverdichtung gesprochen werden. Insgesamt hat der Turm eine Höhe von 104 Metern bei 27 Geschossen und ragt deutlich über die Baumwipfel des Küstenwaldes hinaus und verortet als Landmarke den Ortsteil Prora.

Neues Symbol für Prora

Wir haben den Einfluss auf den Naturraum der Insel Rügen untersucht und von verschiedenen sensiblen Standpunkten das Landschaftsbild simuliert. Der Turm wird wenn man von Süden, Westen und Norden auf den Standpunkt zufährt nicht sichtbar sein. Ebenfalls ist er aus der Ortslage von Binz nicht wahrnehmbar. Gleichwohl ist der Turm aber von der Küstenlinie der Prorer Wiek zu sehen. Simulationen von Standpunkt Seebrücke Binz, Mukran, von der Hanglage Sassnitz und der Hafenmole verdeutlichen das.

Ebenfalls ist der Turm vom Wasser aus sichtbar, was er ja als Landmarke und ikonisierter Symbolträger auch soll.

Binz entscheidet

Letztendlich ist in der öffentlichen Diskussion zu entscheiden, ob der Einfluss auf das Landschaftsbild zu Gunsten der architektonischen, städtebaulichen und baukünstlerischen Zugewinne verträglich ist oder nicht. Das Bauwerk ist eine kausale Reaktion auf die historische und bauliche Last des KDF-Bades und eine städtebauliche Entwicklung von hoher Symbolkraft für den Ortsteil Prora. Eine Diskussion über das Hochhaus kann nur mit diesen dargestellten Entwurfsgedanken fachlich kompetent geführt werden.

Im Wissen um die Tragweite des vorgeschlagenen Projektes hat der Bauherr daher bewusst eine frühzeitige und breite öffentliche Diskussion gesucht. Projektstand ist nur die Projektidee. Es gibt weder planungsrechtliche noch bauordnungsrechtliche Planungen und Anträge. Diese Herangehensweise ist sicherlich der Baukultur des Landes zuträglich, wie auch die baukünstlerische Auseinandersetzung mit dem baulichen Denkmal und historischen Erbe der Baukultur des Landes zuträglich ist.